Lota, der Kriminaldetektiv in der Kunstszene

Der Eingangsbereich einer noch geschlossenen Baumarktfiliale. Links und Rechts beim Eingang außen sieht man zwei Mülleimer stehen, bei den linken fehlt aber die Abdeckung.

Ein normaler Tag brach an. Ich fuhr zum Baumarkt in die Arbeit. Ein wenig kalt war es an diesem Wintermorgen, als ich um zirka dreiviertelsieben am Arbeitsort eintraf. Im vorbeigehen fiel mir auf, dass am Haupteingang die Abdeckung eines der beiden Mistkübeln fehlte. Das kümmerte mich zwar in diesem Moment grad recht wenig, aber im Laufe des Tages sprach mich der Marktleiter darauf an, der emotional und etwas eindringlich, sein Unverständnis darüber ausdrückte, wer und vor allem warum jemand so etwas entwendet. Die fehlende Mistkübelabdeckung war für ihn ja auch mit Arbeit verbunden. Neue bestellen, verbunden mit Lieferzeit schmeckte ihm wohl auch nicht besonders. Leider hatte ich in diesem Moment, wo ich auch voll von meiner Arbeit beansprucht war, keine passende Idee parat. Das einzige was mir einfiel, waren herumstreichende Jugendliche in der Nacht, die es aus Jux und Tollerei verschleppt haben könnten. Aber diese Antwort schien ihm nicht zufrieden zu stellen.

Keine Woche verging und wie bei mir so aus persönlichen Interessen durchaus üblich, war ich bei einer Kunstausstellung zur Gast. Genau gesagt war es die Ausstellung "Rundgang 2015" an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Ich stattete meinen Besuch dieser viertägigen Veranstaltung am Freitag ab. Ehrfürchtig und respektvoll näherte ich mich dem beeindruckenden Gebäude am Schillerplatz. Die Vorstellung, eine so alteingesessene Institution betreten und von innen zu erfahren zu dürfen, versetzte mich in ein Ausnahmezustand. Zwischen Demut und Vorfreude tat ich mutige Schritte, da es für mich schwer zu glauben war, dass so einer wie ich da wirklich hinein darf. Wusste gar nicht genau, wie ich mit diesem Umstand und den mitschwingenden Gefühlen umgehen sollte. Unerwartet übermannten mich plötzlich die Empfindungen. Ich begann zu zweifeln und zu befürchten, das ich da menschlich gar nicht dazu passe und infolge ausgeschlossen, ja gar vertrieben werden. Ich hegte ja selber künstlerische Ambitionen und wollte eben dazugehören. Das war ja die Lebenswelt, die ich nach meinen Vorstellungen, am wahrscheinlichsten jemals mein eigen nennen könnte. Die Vorstellung, da als Eindringling ausgegrenzt, das Gebäude erniedrigt und den Hoffnungen entkleidet verlassen zu müssen, versetzte mich mental, aber auch Körperlich in einem Zustand, der mir auch noch deutliche soziale Fähigkeiten kostete, um Menschennähe gewinnen zu können.

Mit Bauchkribbeln, Tunnelblick und diversen Verspannungen stieg ich die Stufen zum riesigen Eingangstor hinauf. Mit der Berührung der Klinke durchdrang meine Hand ein seltsamer elektroartiger Impuls, der dann über meine Arme in meinen ganzen Körper strömte. Ich öffnete, wie von Elektroschlägen betäubt die Tür und betrat steift und eingeschüchtert den Eingangsbereich. Als dass ich nicht eh schon genug schlotterte, standen da auch noch auf mich bedrohlich wirkendes Sicherheitspersonal herum. Und diese schienen auch noch genau von der Sorte zu sein, die mich ganz besonders gern aussuchen, um mich aufgrund bestimmter Verdächtigungen, in den Genuss einer Spezialbehandlung kommen zu lassen. Nur nicht auffallen, dachte ich. Aber je mehr ich das versuchte, desto auffälliger wurde ich. Und obwohl mir das bewusster war, als es mir lieb und dienlich sein konnte, war mir nicht möglich was dagegen zu tun. Also schlich ich mich, wie auf glühenden Kohlen, gerade, dass ich sie nicht streifte, an der Wand entlang. Meinen Blick hatte ichzur Wand, nach rechts unten zur Ecke gewandt. So hoffte ich, mit leicht gesenktem Kopf, möglichst weit ab vom Schuss, doch irgendwie hinein zu den Ausstellungsräumen zu gelangen. Die Sicherheitsbediensteten standen leider aber auch genau an der Stelle, wo es links und rechts in die rund herum führenden Gänge ging und es am engsten war.

Unauffällig war da an meinen Taten und Benehmen wohl kaum etwas aber von den ca. fünf Sicherheitsbediensteten, schien nur einer auf mich aufmerksam geworden zu sein und gestikulierte meinen steifen Blick erwidernd, aber auf einer doch wohlwollenden Art, um sein Unverständnis über mein Verhalten zu äußern. Die anderen standen nur so, fast desorientiert wirkend, in der Gegend rum. Ich konnte ungehindert rechts in den Gang abbiegen und ging, zwar weiterhin flüchtend um Abstand zu gewinnen und endlich im Treiben unterzutauchen, aber doch schon im Bewusstsein des Erfolges. Eine gewisse Erleichterung über das hineingekommen und das ohne einer Erniedrigung, Schmach oder sonstigen gröbsten Schwierigkeiten. Am Ende des Korridors, wo es eine Biegung nach links macht, ging ich im Schwung blind geradeaus weiter, die Treppen hoch, um mich einen Stockwerk höher eingebetteter und noch sicherer zu fühlen. Oben angekommen, ging ich ohne zu schauen in den erstbesten Ausstellungsraum, der glücklicherweise menschenleer und sehr ruhig war. Wie im freien Fall, so fühlte es sich an, wie mir die Spannungen und Bedrohungen vom Rücken fielen. Ich schaute im Raum herum, atmete tief durch und ein angenehm sonniges Raumgefühl ergriff mich, in dem ich hätte durchaus langfristig weilen können.

Ich musste wirklich zweimal hinschauen und konnte es trotzdem nicht ganz glauben, obwohl ich sofort sicher war, dass da genau die Mistkübelabdeckung stand, die bei meinem Arbeitgeber entwendet wurde. Ich umkreiste es einmal, das Logo wurde vorsorglich entfernt, aber noch erkennbar, wo es angebracht war. Hinsichtlich meiner Reaktion auf diesen Umstand, war mir ziemlich unsicher zumute. Der Eingangsbereich einer noch geschlossenen Baumarktfiliale. Links und Rechts beim Eingang außen sieht man zwei Mülleimer stehen, bei den linken fehlt aber die Abdeckung.Da war nun die Kunst, deren Freiheit meine Welt, in der alles in Ordnung ist. Wo selbst Diebstahl keine rein destruktiv-egoistische Handlung darstellt, sondern einem positiven Zweck diente, sei es ein sozialer Nutzen, Gerechtigkeit oder auch nur schlichte Unterhaltung. Aber das vermisste ich in diesem Werk. Es gelang mir nicht etwas zu finden, das mir half, nicht den Diebstahl oder meinen Arbeitgeber in dem Werk zu sehen. Einen guten Zweck etwa, oder eine schöne Sache, eine tolle Arbeit oder einfach eine nette Idee. So sehr ich mich auch bemühte, in diesem Umstand, dass Jemand eine Mistkübelabdeckung entwendet und eine Topfpflanze drauf stellt, etwas positives zu entdeckten, das den Diebstahl rechtfertigen könnte, aber ich schaffte es leider nicht. Im Gegenteil, je mehr ich mich mit dem Werk und deren Entstehungsgeschichte beschäftigte, desto mehr meinte ich eine gewisse Respektlosigkeit dahinter zu erkennen.

Respektlos der Institution gegenüber, für der ich großen Respekt empfand. Aber in gewisser Weise auch respektlos der Kunstwelt gegenüber, der es kaum dienlich sein mochte oder womöglich sogar schadete, weil es einen potenziellen Besucher gegenüber durchaus enttäuschend sein konnte. Da ich selbst einen Bezug zur Welt der Kunst hatte, empfand ich diese empfundene Respektlosigkeit auch auf einer persönlichen Ebene. Ich vertrat die Ansicht, dass Künstler durchaus eine Bringschuld haben, die man auch einzufordern dürfen sollte. Der Ansporn eines Künstlers, etwas zu geben, war für mich etwas Essentielles. Kunst soll gefallen, erfreuen, begeistern und gar überraschen. Der Betrachter soll etwas Positives bekommen und mitnehmen können und die Welt der Kunst als eine Quelle erfahren. Eine Quelle für Leben, für Lebensfreude und Inspiration. Kunst soll erheitern und bereichern und so das Dasein lebenswerter machen. Gerade in der Kunst, sollte es für Destruktivität keinen Platz geben, denn dafür wird zu Lasten der Menschlichkeit eh schon viel zu viel Platz eingeräumt. Ein Werk soll als Investition des Künstlers, in Form von Arbeit und Zeit ermessen und geschätzt werden dürfen, als ein Indikator für Nachhaltigkeit und Wert.

Enttäuscht stand ich nun da und betrachtete traurig das Werk, bzw. die Mistkübelabdeckung. Gescheitert im Versuch eine Wertschätzung zu empfinden, sah ich nichts mehr, als einen rein destruktiven Akt des Diebstahls. Das war für mich auch deshalb schlimm, weil ich dann zu einer charakterfernen Handlung ansetzte, diese Tat als Untat zu verfolgen. Die Charakterferne dieser Handlungen versetzte mich dann auch noch in eine innere Unruhe, die mir ganz und gar nicht schmeckte. An der Tür fand ich eine Liste hängen, mit den Werken und den dazugehörigen Namen der Urheber. Schnell ward ich fündig geworden. Der allerletzte Eintrag verriet mir einen dazugehörigen Namen. Da kamen gerade zwei Personen aus dem kleinen Nebenraum, die wie ein Büro wirkte. Ich sprach sie an, aber meine Stimme war bassverspannt, mein Blut stockte im Hals und mir wurde übel. Ich käme in Erklärungsnot, wenn ich genaue Gründe für meine Reaktion nennen müsste. Die Gründe liegen wohl darin, dass ich auch noch Angst bekam, da auch noch als Denunziant verunglimpft und verachtet zu werden. So gut ich überhaupt noch sprechen konnte, fragte ich, ob dieser gewisser D. M. anwesend war. Sie verneinten schulterzuckend und etwas wundernd und ich wandte mich daraufhin kurz ab, um mir einen neuen Schwung zu holen und setze dann zu einem erneuten Versuch an, über den Diebstahl zu informieren. Aber diesmal wohl noch verspannter und befremdlicher in meiner Art, dass die Information zwar eventuell doch angekommen sein mochte, aber keine ernstnehmende Reaktion mehr stattfand und ich unbeachtet gelassen wurde. Durch die Geschehnisse davor schon ziemlich in Mitleidenschaft gezogen, gab es für mich keine echten Möglichkeiten mehr, für eine sozial verträgliche Kommunikation. Ich machte dann noch kurz Fotos mit meinem Handy und verließ dann apathisch und ohne weiteres Vorhaben den Raum.

Wie dampfgegart irrte ich mich, enttäuscht von der Kunstwelt, betäubt im Rausch der Empfindungen, nahezu teilnahmslos, durch die Gänge und Räume der Akademie. Ich habe dann später diesen D. M. per Internetrecherche auszuforschen versucht. Eine eindeutige Möglichkeit zur Kontaktaufnahme habe ich dabei nicht gefunden, aber dafür von jemand, mit dem er im Kollektiv öfters zusammen genannt worden ist. Ich habe ihn dann über sein Sozial-Media-Konto kontaktiert. Direkt darauf angesprochen, kamen wir sehr schnell zum Punkt, ohne viel Diskussion drum herum. Ich hab über ihm, D. M. ein Ultimatum gestellt. Entweder er stellt die Mistkübelabdeckung baldmöglichst zum ursprünglichen Platz zurück oder es kommt zu einer Anzeige bei den entsprechenden Behörden. Dieser Aufforderung hat D. M. unverzüglich Folge geleistet.

So im Nachhinein betrachtet, bin ich zur Ausstellung gegangen um etwas zu bekommen. Aber so unterm Strich habe ich gefühlsmäßig etwas verloren. Ich habe einsehen müssen, dass auch die Kunstwelt durch Destruktivität und Egoismus geprägt sein kann. Auch wenn ich mein Glauben an das Gute weiterhin hüte wie einen Schatz, und ich dieses Erreignis als Ausnahme betrachte, so hat doch eine Bedrohung stattgefunden, es verloren zu sehen.